Montag, 14. Oktober 2013

Carl Gibson: Staats-Schriftsteller, geistig Prostituierte und „nützliche Idioten“ - Ein Essay zur geistigen Situation unserer „Zeit“ und ihres Un-„Geistes“

Carl Gibson:

Schriftsteller, geistig Prostituierte und „nützliche Idioten“


Essay zur geistigen Situation der „Zeit“ und ihres „Geistes“

Es gibt Schriftsteller, Schriftsteller … und „Schriftsteller“.
Die ersten aus dieser Hierarchie der literarisch Kreativen, sozusagen die Klassiker der Schreibenden Zunft, verfassen ihr Werk um des Werkes willen, textimmanent ausgerichtet, im ehernen Glauben an Gehalt und Gestalt, bemüht, über das Bestehende hinaus zu gehen, um Neues zu schaffen. 
Alter Wein in neuen Schläuchen behagt ihnen ebenso wenig wie neuer Wein in alter Form. Von Verstand, Vernunft, von Logik und Verifizierbarkeit geleitet versuchen sie, die Sprache auslotend neue Wege zu gehen, geistige Werte zu schaffen, Substanz, ohne Rücksicht auf die Rezeption ihrer Werke durch Akklamation der Literaturkritik oder der Leserschaft.

Wahre Kunst ist kompromisslos – und sie wird ausschließlich vom Gewissen des Schriftstellers diktiert, der sich nicht beirren lässt, auch wenn ihm das Lob der Massen ein Leben lang  versagt bleibt oder die sonst bestellten Lobhudler ausbleiben.
Diese Kaste unter den Schriftstellern hat es schwer in unserer Zeit. 
Die großen Ehrungen und Preise werden ausbleiben, eben weil der Geschmack der Zeit entscheidet und das Zeitgemäße nur sich selbst adelt – das, was modisch als Wert empfunden wird.

Zur zweiten Gruppe der Schriftsteller gehören die eindeutig „politischen Schriftsteller“.
Sie zeigen Haltung,
sie haben einen Hafen, eine politische Heimat,
doch sie haben vor allem eine Mission:
Sie wollen verändern – das Land, in dem sie leben,
die Gesellschaft, 
ihr Umfeld, ja selbst die ungerechte Struktur der Welt.

Literatur ist für sie - auch, ja primär - ein Mittel zur Aufklärung,
ein Medium, um Menschen aller Nationen zu erreichen,
ein Instrument, Werte zu vermitteln und Werte darzustellen – über Geist und Kunst.

Nicht das bestimmt ihr ethisches Tun und Handeln, was man früher abwertend „Tendenz“ genannt hat, sondern der aufrichtige Glaube an ihre innere Mission, an ihre gesellschaftliche Gestaltungsmöglichkeit in Freiheit, nur der Wahrheit verpflichtet.
Letztendlich gibt es da noch eine dritte Kaste unter den so genannten Schriftstellern der Jetztzeit– jene,
die rezeptionsorientiert schaffen,
Huldiger des Zeitgeistes,
Dichter, Poeten, die das produzieren,
was die Zeit will,
was Geld einbringt,
was ihnen und anderen nützt,
auch wenn sie dabei ihre Seele verkaufen und den letzten Rest ihrer kümmerlichen Identität preisgeben.

In dieser letzten Kategorie der Verräter des Geistes und der Kunst gibt es da noch eine unterste Schublade, die von Parias besetzt wird.
Für diese Parias, denen noch andere Assassinen des Geistes zuarbeiten, ist Literatur nur ein Mittel zum Zweck,
ein Instrument, um ihre egoistischen Antriebe zu befriedigen,
um im Rampenlicht zu stehen, um gut“ zu leben, auch wenn dabei das Mammon geopferte Gewissen und das eigene Seelenheil auf Dauer Schaden nehmen.

Das sind die Prostituierten des Geistes und der Kunst, dubiose Charaktere des Wortes und der Sprache, die sich selbst zum Werkzeug erniedrigen, damit andere über sie zum Endzweck gelangen.
Der Puppenspieler zieht an den Strippen – die Marionette muss tanzen.
Sie hat keine andere Wahl, weil sie von Anfang an nur Puppe ist und ewig eine Puppe bleiben wird.

Versagt sie, wird sie ausgetauscht. Der Puppenspieler findet schnell Ersatz.
Während echte Aufklärer und politische Schriftsteller à la Voltaire, Heine oder Nietzsche von „intellektueller Redlichkeit“ und „innerer Wahrhaftigkeit" bestimmt gegen den Geist ihrer Zeit und gegen die politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Tage anschrieben, mutig und stets kritisch, üben sich die Parias der Neuzeit in duckmäuserischer Servilität, einmal dem einen Herren dienend, einmal dem anderen.

Als schnöden Opportunisten von Anfang an ist es ihnen egal,
ob sie einem Despoten Untertan sind oder einer demokratischen Partei,

Hauptsache, das Haben auf dem Auszug stimmt,
auch wenn das Sein auf der Strecke bleibt.

Für dieses zerstörerische Selbstopfer erfreuen sie sich am Schein, so lange, bis der Nimbus als Schein des Scheins zerstiebt.
Täuschung der anderen ist ihr Programm.
Selbsttäuschung ist die selbstmörderische Konsequenz davon.

Heiligt der Zweck alle Mittel?
Damit der Strippenzieher selbst gut dasteht, äußerlich rein bleibt, wenigstens so lange man sein Werk nicht durchschaut, wird die Puppe lügen müssen.

Sie wird Wahrheiten verkünden müssen, die eigentlich Lügen sind.
So wird dieser Typus Schriftsteller zum „nützlichen Idioten“ eines politischen Systems, einer Partei, eines Staates.
Woran erkennt man diesen „Staatsschriftsteller“?

An seinen Federn?
An seinen Werken?
An seinen Taten?
Nein, nein!

Man erkennt ihn an seiner Haltung gegenüber den Mächtigen!
Er wird das System, das ihn trägt und gewähren lässt, nicht kritisch angehen, weder ideologisch, philosophisch, geistig, noch durch Geißelung oder Anprangerung von Verfehlungen aktueller Akteure der Politik.

Wie revanchiert sich die Macht?
Sie überschüttelt ihre Puppe mit höchsten Ehrungen, obwohl die Lügenwelt des Puppenspiels längst durchschaut ist, während die Kritiker der korrupten und pseudodemokratischen Regime leer ausgehen.

Die Staaten nominieren „ihre“ Schriftsteller auch auf internationaler Ebene bis hin zum Nobelpreis – und sie setzen diese in diskreter Machtausübung wahrscheinlich auch noch durch!?

Honi soit qui mal y pense!

Heuchelei hat immer schon Hochkonjunktur – seit Menschengedenken, lange vor den sophistischen Machtmenschen und Machiavelli.
Immer, wenn der Wille zur Macht sich selbst zu verwirklichen sucht, bedarf es des Schriftstellers, des „nützlichen Idioten“, um diesen Prozess mit zu ermöglichen und zu rechtfertigen.

Blicken wir uns doch um – wer wird geehrt?
Wer geht leer aus?

Damit diese „nützlichen Idioten“ nicht als die Handlanger und Helfershelfer auffallen, die sie in ihrem tiefsten Wesen tatsächlich sind, rufen sie „Haltet den Dieb“ und beschimpfen in schäbiger Deviation ihre Kritiker als „nützliche Idioten“ - in der Hoffnung, das billige, auf Effekthascherei gestützte Ablenkungsmanöver möge die oberflächlichen Köpfe verwirren und das Täuschungsszenario der Lüge noch eine Weile verlängern.
Doch Fakten sind Fakten – und die Wahrheit lässt sich nicht für alle Zeiten aus der Welt verbannen.

Wenn die Substanz letztendlich zum Licht dringt, wird der Puppenspieler, um sich selbst zu retten, sein Spielzeug fallen lassen wie die zu heiß gewordene Kartoffel.
Der selbstverliebte Wille zur Macht findet seine Grenze an Ethos und Wahrheit, die David über Goliath triumphieren lässt … und über Leviathan.




Carl Gibson, Bücher




 Carl Gibson liest im privaten Kreis aus

"Allein in der Revolte".

(Foto:Monika Nickel)






Aus:

Carl Gibson,

„Die Zeit der Chamäleons“ -


Aphorismen, Reflexionen, Maximen, Sentenzen, Ideen, Essays

zur Literatur, Philosophie und Geistesgeschichte und Kritisches zum Zeitgeschehen


Motto:



Zum Sinn der Philosophie heute

Philosophen sollen reden und schreiben,
Philosophen sollen Fragen aufwerfen und Antworten anbieten,
sonst ist ihr Denken umsonst!
Das – sprichwörtliche – Schweigen der Philosophen ist ein Irrweg, 
denn es verhüllt die Wahrheit und billigt die Lüge.

Das Schweigen der Denker nützt nur den Mächtigen.





 

Mehr zur "Philosophie" von Carl Gibson
in seinem zweibändigen Hauptwerk:

speziell in:

"Symphonie der Freiheit", (2008)
sowie in dem jüngst erschienenen

"Allein in der Revolte.

Eine Jugend im Banat", (2013)






 Philosoph und Zeitkritiker Carl Gibson

Weitere Aphorismen, Reflexionen, Maximen, Sentenzen, Ideen und Essays werden auf diesem Blog folgen.


Copyright: Carl Gibson
Fotos von Carl Gibson: Monika Nickel

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