Montag, 14. Januar 2013

Die „so genannte Freie Gewerkschaft“ - eine Fiktion?


Die „so genannte Freie Gewerkschaft“ - eine Fiktion?



Der Fall Nr. 1066 wurde am 10 Juli 1981 auf den Weg gebracht. Erst im Jahr 1984 lag mit der Veröffentlichung des Berichts Nr. 236, heute noch als ILO-Dokumentation im Internet abrufbar, eine endgültige Bewertung der Auseinandersetzung vor. Es war ein Resultat, wenn man es so bezeichnen will, das der makropolitischen Situation der Zeit entsprach - es war ein klassisches Remis. Die moralische Konfrontation gegensätzlicher Weltauffassungen endete so, wie sie begonnen hatte, mit einem Patt.

Jede Seite beharrte auf ihrer Position. Die Regierung in Bukarest stellte sich stur und negierte einfach alles. Damit befand sie sich im Einklang und auf der Schiene des großen Führers Ceauşescu, der inzwischen jeden Sinn für die Realität verloren hatte und zunehmend zum Ultrastalinisten nordkoreanischer Prägung mumifizierte. Jeder Hauch von Liberalität nach innen wie nach außen wich einem retrograden Urkommunismus, der nicht mehr in die aufziehende Zeit von Glasnost und Perestroika passte. Der sture Ceauşescu wurde für den erst antretenden Gorbatschow zunehmend zum ernsten Problem. In dieser verschärften Situation war es nahezu unmöglich, mit Rumänien vernünftig zu kommunizieren. Die Regierenden schotteten sich ab und igelten sich ein im Bewusstsein, in ihrer Souveränität vom Westen bedroht zu sein. Die Realitätsfremdheit in allen Lebensbereichen wurde zum zeitspezifischen Phänomen– auch über Rumänien hinaus von Berlin bis Bukarest.

Das Dokument mit den so genannten Antworten des Regimes ist ein authentisches Zeugnis aus dieser Zeit und gleichzeitig ein grotesk-absurder Beweis einer angewandten Vogel-Strauß-Politik nach dem Motto: Alles, was nicht hätte sein dürfen, war nicht! In dem Papier wird schlechthin alles geleugnet, was sich im oppositionellen Umfeld der Arbeiterbewegung in den letzten Jahren ereignet hatte, beginnend mit dem Minenarbeiterstreik im Schiltal, an dem viele Tausend Kumpel beteiligt waren. Nach der Auffassung der Regierung hat es in Rumänien nie einen Minenarbeiterstreik gegeben - und auch keine Freie Gewerkschaft.

Der Gründer dieser Bürgerbewegung in Bukarest, der Arzt Ionel Cană, sei wegen der Verbreitung faschistischer Propagandaverurteilt worden, die meisten so genannten Sympathisanten der Gewerkschaft wären frei erfunden oder wüssten nichts davon, andere seien gemeine Verbrecher und gescheiterte Existenzen mit unsittlichem Lebenswandel, teils an Alkoholvergiftung gestorben.

Der offizielle Bericht der rumänischen Behörden beginnt mit einer breiten Beschreibung des wirtschaftlichen Fortschritts im Land während der letzten Jahrzehnte. Dann wird auf die alte Gewerkschaftstradition des Landes verwiesen, die bis in das Jahr 1872 zurückreichen soll. Neunundneunzig Prozent aller Arbeiter, mehr als 7. 500. 000 Mitglieder, gehörten der offiziellen Gewerkschaft an, die eigenständig sei und sogar Gesetze vorschlagen könne. Alle formulierten Anschuldigungen beruhten auf missverständlichen, irreführenden Angaben, die von Personen stammen, die nichts mit dem Land gemeinsam hätten.

Eine dieser landesfeindlichen Personen machten sie in meiner Person aus. In der Klagesschrift des Westens wird unter Punkt 96 die Regierung in Bukarest aufgefordert, zu meinen Aussagen Stellung zu nehmen:

Im Februar 1983 hat das Komitee die Regierung ebenfalls aufgefordert, präzise Informationen über die Gründe der Verhaftung und Verurteilung einer bestimmten Zahl genannter Personen in der Stadt Temeschburg mitzuteilen, die an der Gründung der Freien Gewerkschaft Rumänischer Arbeiter in jener Stadt beteiligt waren. Der Kläger hat später auch die Namen und Anschriften anderer Gewerkschaftsanhänger in Temeschburg mitgeteilt, aber die Regierung hat dem Komitee weder Informationen noch Erklärungen als Antwort auf seine Anfrage zukommen lassen.“

Soweit die englische Textfassung. Da die Angelegenheit selbst heute von besonderer Brisanz ist und als zeitgeschichtliches Thema noch auf eine wissenschaftliche Aufarbeitung wartet, stellt die UNO gleichzeitig auch eine französische und spanische Textfassung der Dokumentation bereit, damit nach Möglichkeit eine weltweite Rezeption und Differenzierung zwischen Wahrheit und Lüge stattfinden kann.



Ienei-Kirche, Bukarest





Auszug aus: Carl Gibson,

Symphonie der Freiheit

Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur



Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten,Leseprobe,
Foto: Carl Gibson



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