Sonntag, 6. Januar 2013

Zum Tod eines Dichters -Leseprobe, aus Carl Gibson, Symphonie der Freiheit


Leseprobe, aus Carl Gibson, Symphonie der Freiheit

Zum Tod eines Dichters


 

Es ist nicht schwer auszumalen, dass ein sensibler Dichter, der eigentlich nur Verse zimmern wollte, dem rohen Terror der Verfolgungsorgane nicht gewachsen war. Unfähig, sich den permanenten Nachstellungen, die teilweise Jagdcharakter annahmen, zu entziehen, entschloss sich auch Bossert zur Ausreise in die Bundesrepublik. Die Folge davon war in seinem Fall eine Intensivierung der vielfachen Belästigungen und Schikanen durch die Securitate, die allesamt die Psyche des zarten Poeten weiter angriffen und zerrütteten.

Von Horst Bossert, der kaum zwei Monate nach seiner Ankunft in der Bundesrepublik unter rätselhaften Umständen zu Tode kam, zitiert man auch heute noch gerne sein symptomatisches Inserat: suche hund mit 2 mäulern/ der nicht schweigen muß / während er beißt. Sein tragischer Tod schockte Teile der informierten westlichen Öffentlichkeit und richtete fortan den Blick auf die Praktiken der Securitate, die auch andere Künstler verfolgte. Herta Müller konstruierte später daraus eine Fiktion.

Rolf Bossert, ein Dichter mit leichtem Hang zur Melancholie, wie es Freunde bezeugen, gab nach seiner Ankunft in der Bundesrepublik ein vielsagendes Interview, welches am 20. Februar 1986 in der Frankfurter Rundschau erschien. Es steht unter dem Titel Der Exitus der deutschsprachigen Literatur Rumäniens, und ist, da es viel über die Situation der Schriftsteller in einer Diktatur aussagt, auch heute noch recht lesenswert.

Im Jahr 1983 erhielt Rolf Bossert, der wohl begabteste unter den damals im Banater Raum Dichtenden, den Preis des Müller-Guttenbrunn-Kreises. In seiner Dankesrede nach der von Richard Wagner gehaltenen Laudatio sagte Bossert einige komprimierte Worte, die auf die innere und äußere Exponiertheit eines Dichters in einem totalitären System verweisen. Es sind etwas verklausulierte Aussagen eines gehemmten Dichters, der noch nicht ganz resigniert hat und der den schwierigen Bedingungen trotzend, doch noch agierend eingreifen und die Gesellschaft, in der er leben muss, gestalterisch verändern will.

Bossert spricht von der Poesie als Gegenentwurf zur Tagespolitik und von der Rolle des Dichters im Umgang mit der Macht: Ich suche mir nicht Bausteine für einen Elfenbeinturm zusammen. Der Schriftsteller, so wie ich ihn sehe, steht nicht über den Dingen, sondern darunter. Im Doppelsinn des Wortes. Ich baue keinen negativen, keinen umgestülpten Elfenbeinturm. Ich plädiere für eine Macht. Nicht für jene des Schriftstellerpolitikers, sondern für die des Politikerschriftstellers. Ich plädiere für die poetische Macht. Ich glaube an ihre Brisanz. Auch diese Macht steht jenseits des Moralischen. Ich plädiere für einen Gegenentwurf, für eine Utopie. Ich bin mir der Gefahr, in die ich mich begebe, bewusst. Ich weiß, gegen Vereinnahmung kann man sich nur bedingt schützen. Ich weiß, dass die anarchisch-ordnungsliebende poetische Macht gefürchtet wird, und deshalb kontrolliert, diskreditiert und pervertiert. Ich vermute, dass der konsequenteste Schriftsteller jener ist, der aufhört zu schreiben oder zu leben. Ich bin aber, wie alle Schriftsteller, zu sehr Egoist, zu wenig Egoist. Ich will im Bewusstsein meiner Inkonsequenz weitermachen. Wenn die Wellen über meinem Kopf zusammenschlagen, greife ich nicht nach dem Strohhalm, sondern nach dem Federkiel.“

Bossert muss in die teilweise paradoxe Aussage flüchten, um die Ausweglosigkeit des Künstlers zu beschreiben, die in letzter Konsequenz das Scheitern impliziert. Wenn ein Schreiben in Freiheit nicht möglich ist, dann ist das Nichtschreiben, eigentlich das Nichtveröffentlichen, ein Rezept des geistigen Überlebens, eines, das ich seinerzeit praktizierte, um anderswo konkret oppositionell zu agieren. Ethisches und verantwortungsvolles Handeln hatte nach meiner damaligen Auffassung Priorität vor der Kunst, auch weil es existentieller war als die Welt des Schönen Scheins in einer Welt des getrübten Scheins und der Täuschung.

Wenn Bosserts tragisches Ableben ein Freitod war, Menschen, die ihn gut kannten, schließen auch diese Möglichkeit nicht aus, dann ist die Tat in den zitierten Worten bereits geistig antizipiert.

Die Haltung, ich will nicht mehr, weil das Gegengewicht der Welt mich erdrückt, das von Heine verdichtete und von mir selbst erlebte Atlas-Syndrom, ist typisch für sensible Poeten, für Mimosen, die von Panzern überrollt werden. Wenn der Druck der Welt zu groß wird, dann bricht das Herz im Leibe und die Dichterseele, die darin wohnt, verfliegt im Äther.

Trägt der gleichgültige Westen eine Mitschuld an der tragischen Entwicklung? Möglicherweise hat das Nicht-adäquat-Gehörtwerden in der westlichen Gesellschaft einen Prozess, den die Securitate auf den Weg gebracht hat, noch beschleunigt!

Nemo propheta in patria? Freund Felix, die musische Mimose, war an der Ignoranz einer apathischen Gesellschaft gescheitert - und selbst ich, mehr zäh als zerbrechlich, hatte den Schmerz des einsamen Rufers in der Wüste vielfach erfahren müssen. Hinter der massiven Enttäuschung lauert das individuelle Scheitern - wie hinter dem tiefen Leiden die Verzweiflung lauert. Künstlerseelen, angesiedelt am Rande der Melancholie, sind exponiert und immer gefährdet. Die Dissidenz im Feinen wie im Groben fordert ihre Opfer, selbst noch lange danach. Womöglich ist Rolf Bossert ein warnendes Beispiel.

Doch seine verkündete Vision war richtig. Die poetische Brisanz, die schon bei Dichtern wie Sorescu und Blandiana, präsent war, brach später bei Mircea Dinescu am eindeutigsten durch und erreichte selbst die Menschen auf der Straße. Ab dem Jahr 1983 wurden auch Richard Wagner und Herta Müller schikaniert, sagt man. Nur wurden sie auch konkret verfolgt, verhaftet, verurteilt?

Wann, wo und wie? Ihre spärlichen Biographien geben keine genaue Auskunft über konkrete Verfolgungen durch die Securitate. Und Herta Müller schweigt auf meine Fragen! Warum wohl?

Manchmal konnte der Eindruck entstehen, die Securitate suche sich die potentiellen Opfer geradezu aus - vielleicht nur, um die eigene Ineffizienz zu überdecken. Der Kreis der Verfolgten wurde ausgeweitet. Während sich Rolf Bossert wehrte, zur Feder griff und Petitionen an die Parteiführung verfasste, in der Hoffnung auf diese Weise vor dem Zugriff der Securitate Schutz zu finden - eine Prozedur, die ich selbst oft und gerne praktiziert hatte, ganz nach dem Motto: divide et impera - gerieten andere in deutscher Sprache publizierende Journalisten und Schriftsteller in den Fokus der Sicherheit, unter ihnen Helmuth Frauendorfer, ein Poet meines Jahrgangs.

Als im Jahr 1984 Nikolaus Berwanger, der kontroversierte Mäzen des größten Literaturkreises in Temeschburg, nach einer Erholungsreise in der kapitalistischen Hölle nicht mehr in das Arbeiterparadies zurückkehren wollte und es überraschend vorzog, in der von Revisionisten und alten Faschisten durchsetzten Bundesrepublik zu verbleiben, fehlte plötzlich der übermächtige Protektor der linken Literaten - und mit ihm die schützende Ägide.

Die weitgehend kritischen Journalisten William Totok, Samson, Frauendorfer standen nunmehr isoliert da - und mit ihnen auch Richard Wagner und bis zu einem gewissen Grad wohl auch Herta Müller, die bis auf die zwiespältig aufgenommenen Niederungen kaum etwas veröffentlicht hatte.



 

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