Montag, 14. Januar 2013

Die Weiße Rose von Bukarest - individuelle und kollektive Protestaktionen


Die Weiße Rose von Bukarest - individuelle und kollektive Protestaktionen



Nach Ursus Tod ging der Protest weiter. Je mutiger die Menschen wurden und je deutlicher sich die Lebensbedingungen der Menschen verschlechterten, desto brutaler wurde die Vorgehensweise der Geheimpolizei und der Justiz.

Als der junge Ingenieur Radu Filipescu - vielleicht nach dem Vorbild der Geschwister Scholl und der Weißen Rose - Anti-Ceauşescu-Flugblätter in die Briefkästen seiner Bukarester Landsleute steckte und zum offenen Protest gegen die Diktatur aufrief, wurde er dafür kurz darauf zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Die Diktatur wehrte sich nun immer massiver und ließ radikal durchgreifen. Jede auch noch so kleine oppositionelle Bewegung war mit drakonischen Maßnahmen zu stoppen. Der Befehl dazu, der in unserem etwas delikateren Fall noch die Empfehlung von Samthandschuhen nahe legte, kam vermutlich von ganz oben.

Im Jahr 1983, also zu einem Zeitpunkt, als das Regime in Bukarest sich bereits gegen die in Genf auf den Weg gebrachte Klage öffentlich zur Wehr setzen musste, gründete der Fernsehtechniker Dumitru Iuga zusammen mit sechs weiteren Jugendlichen die Organisation Bewegung für Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Im Verhältnis zur Freien Gewerkschaft rumänischer Werktätiger SLMOR, die in weiten Teilen des Landes Verbreitung fand, war diese Bewegung für Freiheitsicher nur eine kleine Gruppierung. Das Regime jedoch ahndete dieses erneute Aufbegehren gleich mit dem zwanzigfachen unseres Strafmaßes, nämlich mit zehn Jahren Haft.

Jeder Widerstand musste um jeden Preis vermieden werden. Die Repression verschärfte sich zunehmend. Während einzelne regimekritische Intellektuelle das Land für immer verlassen mussten und Kunstschaffende wie Doina Cornea, Ana Blandiana und Mircea Dinescu mundtot gemacht wurden, griff der Protest allmählich auf die breite Arbeiterschaft über.

Im Jahr 1987 kam es anlässlich einer Lokalwahl zu einer großen Arbeiterkundgebung in dem Kronstädter Werk Steagul Rosu. Bevor viele Dutzend Arbeiter verhaftet und die Rebellion niedergeschlagen wurde, war es zu verheerenden Übergriffen auf Einrichtungen der Partei gekommen- als Spontanreaktion der jahrelang Hungernden und Darbenden und inzwischen zu Lumpenproletariern reduzierten Menschen. Was daraufhin folgte, konnte selbst im Westen nicht mehr ignoriert werden: die Revolution von Temeschburg, die den Anfang vom Ende der Diktatur einleitete.
 

Auszug aus: Carl Gibson,

Symphonie der Freiheit

Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten

Der ehemalige Königspalast in Bukarest


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