Montag, 14. Januar 2013

Intellektuelle Distanzierung - Tudoran und Tismăneanu


Intellektuelle Distanzierung - Tudoran und Tismăneanu



Vieles an politischem Machtmissbrauch vollzog sich über den uneingeschränkt agierenden Sicherheitsdienst im Verborgenen. Nur die Opfer nahmen Kenntnis davon. Von der Dissidenz junger Dichter um Dan Petrescuin Iaşi, von Dorin Tudoran, Norman Manea und von dem Wirken des lange verfolgten Philosophen Constantin Noica, der ebenfalls viele Jahre seines Lebens in Kerkern verbracht hatte, erfuhr kaum jemand etwas.

Dorin Tudoran, gleich Blandiana in Temeschburg geboren, Jahrgang 1945, war ein leiser Dissident, ein sanfter Lyriker, der im stillen Kämmerlein seine Verse zimmerte und auf eigene Weise an der heuchlerischen Umgebung litt. Als er die Diskrepanz zwischen Schein und Wirklichkeit nicht mehr ertragen konnte, entschloss er sich wie viele andere geistige Menschen zur Ausreise und versuchte dann, vom Gefühl des leisen Verzweifelns geleitet, mit der minderjährigen Tochter diesen Ausbruch in die Freiheit zu forcieren. In seinem Sendschreiben an Staatschef Ceauşescu schrieb Tudoran: Als Schriftsteller, Bürger und Vater bin ich endgültig überzeugt davon, dass zwischen meinem tiefsten Glauben an den Menschen und an seine unverzichtbaren Rechte, an Freiheit und Demokratie, an Dialog und Meinung, an Ehrlichkeit und Ethos, an Patriotismus und Opfergeist usw. und den rumänischen Wirklichkeiten von heute eine unüberwindbare Kluft besteht.

Ähnliches hatte ich über Jahre selbst durchgemacht, von den gleichen Beweggründen getrieben. Und viele Intellektuelle und weniger intellektuelle Aufrichtige und wahrhaftig Fühlende sollten noch folgen. Nachdem ihm ein Strafprozess angedroht wurde, trat der Poet, der immerhin bereits mehrere Gedichtbände vorgelegt hatte, in einen Hungerstreik und erzwang über diesen Protestakt die Ausreise in die Vereinigten Staaten.

Im amerikanischen Exil traf er auf den bereits 1981 geflohenen Vladimir Tismăneanu, der dem Regime um Ceauşescu bewusst den Rücken gekehrt hatte, obwohl er zu jener Gruppe Privilegierter im Land gehört hatte, zur Nomenklatur. Als Sohn jüdischer Linksintellektueller, die im Spanienkrieg auf der Seite der Antifaschisten gekämpft hatten, hätte Vladimir Tismăneanu, der spätere Koordinator der Präsidentenkommission zur Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien, durchaus in Ceauşescus Diktatur überleben können, wenn nicht auch er von ideellen Wertvorstellungen geleitet worden wäre, die ihn gezielt auf Distanz gehen ließen. Das Fehlen der Freiheit gerade im Denken wurde ihm, dem gleich nach dem Studium Kaltgestellten, irgendwann unerträglich: Ich konnte die permanente Aggression gegen den freien Geist einfach nicht mehr aushalten. Gleich anderen Kollegen und Freunden, hatte im Bezug auf den grotesken Personenkult, auf die öffentliche und tatsächliche Lüge, in der wir lebten, ich die Grenzen der Geduld erreicht. Wie ich in meinem späteren Büchern festhielt, fragte ich mich immer wieder, weshalb nicht auch wir einen Michnik, einen Havel oder einen Sacharow haben. Grenzenlos bewunderte ich jene, die sich dem System widersetzten - und ich bewundere sie immer noch; und ich kann es nur beklagen, dass es in Rumänien keine kollektive Dissidentenbewegung gab. Es gab allerdings Einzeldissidenten -und sie sollten ihrem Wert entsprechend geschätzt werden, sagte er in einem Gespräch, im welchem er auf die Beweggründe seiner Flucht nach Amerika einging.

Die These Tismăneanus von einer fehlenden Dissidentenbewegung, der ich als drei Jahre lang aktiver Dissident in Rumänien schon aufgrund eigener Erfahrungen widersprechen muss, verweist darauf, dass die dissidenten Bewegungen im Land, allen voran die SLOMR-Bewegung noch nicht wirklich wissenschaftlich aufgearbeitet und analysiert wurden.

Die Freie Gewerkschaft war keine reine Arbeiterbewegung, wie oft angenommen, und wurde auch nicht, wie ebenfalls von Analytikern betont, von Intellektuellen für die Arbeiterschaft konzipiert, sondern sie ist darüber hinausgehend ein freier Zusammenschluss von Werktätigen aller Berufe und Arbeitsverhältnisse - und als freie Überorganisation verkörperte sie ein Sammelbecken für dissidente Strömungen aller Art, die einen Fokus suchten. Das Fehlen einer prominenten Führungspersönlichkeit war nur ein kleiner Nachteil, wie das Beispiel in der Danziger Werft beweist - Walesa war kein Intellektueller! Die SLOMR-Bewegung, die eindeutig organisierte und somit kollektive Dissidenz verkörpert, scheiterte an den äußerst repressiven Bedingungen der Diktatur in Rumänien. Im späteren Dialog mit Tismăneanu, der geführt wurde, als die erste Fassung der Analyse bereits veröffentlicht war, habe ich mehrfach darauf hingewiesen und Wert darauf gelegt, diese Argumente in die Forschung einfließen zu lassen. Was davon noch in den Endberichtzur Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien an präsentierten Fakten und Interpretationen eingeflossen ist, in ein enges Kompendium, das keine differenzierte Diskussion erlaubt, entzieht sich meiner Kenntnis.

Norman Manea, ein anderer Schriftsteller jüdischer Herkunft, der sich dem Emigrationsdruck, dem die Juden wie die Deutschen im Land ausgesetzt waren, nicht entziehen konnte, fand erst Gehör, als seine Bücher in den Vereinigten Staaten veröffentlicht wurden. Der Philosoph Noica hingegen, der unbequeme Literat Caraion und andere wurden als ehemalige und künftige Zuchthäusler diffamiert und geschnitten.

Auch manche der nicht gerade linientreuen Dichter und Schriftsteller, die in deutscher Sprache veröffentlichten, konnten sich den Schikanen des Geheimdienstes nicht entziehen und wurden als unbequeme Zeitzeugen zum Teil gegen ihren Willen aus dem Land gedrängt – selbst auch diejenigen, die nur loyale Kritik üben und keine Dissidenten sein wollten!

Am Präsidentenpalast in Bukarest





Auszug aus: Carl Gibson,

Symphonie der Freiheit

Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur



Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten, Leseprobe

Foto: Carl Gibson


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