Sonntag, 6. Januar 2013

J’accuse! - Leseprobe, aus Carl Gibson, Symphonie der Freiheit





Leseprobe, aus Carl Gibson, Symphonie der Freiheit




J’accuse!


 

Viel schwerwiegender allerdings ist die Tatsache, dass die Unterzeichner des Beschwerdeschreibens allesamt den Status quo im bereits geistig wie ökonomisch dahinsiechenden Rumänien nicht in Frage stellen - und dass sie sogar, und da rebelliert es in mir, die Führungsrolle der Kommunistischen Partei Rumäniens nicht anzweifeln, sondern diese merkwürdige Rolle der totalitären Monopolpartei sogar explizit anerkennen.

In dem Brief an Pacoste (Heimsuchung! Sic!) heißt es unmissverständlich weiter: Wir haben uns an Sie gewandt, weil wir der Meinung sind, dass die rumänische Kommunistische Partei die führende Kraft unseres Landes ist.

Ein Skandal! Und überaus erhellend! Doch es geht noch weiter:

Es wird immer behauptet, dass der Sicherheitsdienst eine der Partei untergeordnete Behörde ist, und nicht umgekehrt.

Wedelt der Hund mit dem Schwanz - oder der Schwanz mit dem Hund? Und ist nur der Schwanz verwerflich, nicht die gesamte Bestie? Dann stellen die Dichter fest: Wir meinen, dass die Einschätzung eines literarischen Textes und die Äußerung eines Werturteils nicht den Offizieren des Sicherheitsdienstes zugestanden werden darf, sondern nach literarisch-ästhetischen Kriterien vorgenommen werden muß und der kompetenten Literaturkritik überlassen bleiben muß. So weit, so gut! Im Klartext bedeutet dies aber aus der Sicht eines Dissidenten aus der Zelle weit mehr als die de facto Akzeptanz des Machthabers vor Ort! Es bedeutet leicht pointiert ausgedrückt nicht weniger als: Liebe Partei!

Beschütze uns vor deinen Bluthunden und pfeife, bitte, deine Rottweiler zurück, damit wir staatsloyalen Schriftsteller unsere Literatur nach unseren Vorstellungen produzieren können - als konstruktive Kritik bei uneingeschränkter Anerkennung der Führungsrolle der Rumänischen Kommunistischen Partei unter der weisen Führung von Diktator Nicolae Ceauşescu und seiner ebenso genialen Gattin Elena Ceauşescu. Wir sozialistischen Schriftsteller der neuen Generation werden dich dann weiter so lieben wie bisher und deine Führungsrolle nie anzweifeln, obwohl wir deine verbrecherische Geschichte kennen und deine Art, Geschichte einfach umzuschreiben

Ist das Dissidenz?

Ist das etwa jenes Regimekritische, das - nach Wagners Auskunft- Gottvater Berwanger bis zum Tag seiner Fuga in den verschmähten Westen ermöglicht haben soll? Und entsprach das jener Vorstellung loyaler Kritik, jener Fiktion, von der Richard Wagner später ebenso sprach?

Verkannte diese Haltung nicht die tatsächlichen politischen Bedingungen in einem gescheiterten sozialistischen Staat, der inzwischen zur zynischen Diktatur verkommen war?

Eine totalitäre Partei, die im späteren Bericht zur Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien, als ungesetzlich und verbrecherisch eingestuft wurde, als integren Dialogpartner anzuerkennen und nur die böse Securitate als Schurken auszumachen, zeugt von einer fundamentalen Verkennung der tatsächlichen Machtverhältnisse im Land!

Die Securitate war nur der Handlanger, das exekutive Repressionsinstrument der Kommunistischen Partei, die den politischen Willen verkörperte und die tatsächliche politische Macht.

Wie konnte soviel gesellschaftspolitische Naivität möglich sein - in sieben Köpfen, die allesamt in der sozialistischen Wirklichkeit lebten? Ein Unding!

Wie konnte loyale Kritik im Umgang mit einer verbrecherischen Organisation möglich sein?

Während den eigenen Landsleuten „latenter Faschismus“ vorgehalten wurde, vor allen den vielen, die sich nicht wehren konnten, weil ihnen das Instrumentarium fehlte, und den gleichen deutschen Landsleuten eine Mitverantwortung am NS-Staat, an dessen Außenpolitik und Kriegsführung angelastet wurde, vergaßen die gleichen Akteure des rechten Lichtes und Apostel der Moral die Verbrechen des Stalinismus und Kommunismus vor ihrer Haustür!

Das ist aus meiner Sicht tiefste Heuchelei! Ecrasez l’infame, kann ich da nur mit Voltaire ausrufen!

Es fällt mir schwer zu glauben, dass kritische Köpfe wie William Totok diesen Text damals so mittrugen. Und ich frage mich, wer ihn aufsetzte!?

Als Kind Stalin bewundern und im Loblied der Partei für alles danken! Das war etwas! Doch als reife Erwachsene zum Teil mit Hafterfahrung, als Hochschüler und elitäre Avantgardisten den Totalitarismus von Rechts bekämpfen zu wollen, um gleichzeitig den Totalitarismus von Links billigend zu dulden, das war etwas fundamental anderes! Eine Haltung, die ich nie verstehen konnte und werde: das war schlechthin Inkonsequenz und schlechter geistiger wie politischer Stil!

Oder neigten Intellektuelle und solche, die dieses Monopol nur für sich reklamierten, a priori zur linken Seite - wie mir es mein aufgeklärter Nachbar frühzeitig einschärfen wollte - und aus dieser Einseitigkeit heraus auch zu mangelnder Ausgewogenheit und Kurzsichtigkeit?

Aus meiner ankämpfenden wie kompromisslosen Sicht war diese damals schon identische unkritische Haltung Gift und moralisches Versagen zugleich, weil eigentliche Vorbilder die falsche Ikone anbeteten: das Götzenbild von Hammer und Sichel auf rotem Hintergrund! Gleichzeitig wertete ich die geistige Existenz in Kompromiss, Duldung und Mitläufertum als einen mehr oder weniger gezielten Dolchstoß, der meine Absetzung von dem menschenverachtenden System des Kommunismus hintertrieb und die eigene Rebellion schwächte.

 
ZK der RKP, Ceausescus Machtsitz in Bukarest
 
 
Carl Gibson dem ehem. ZK der Kommunisten in Bukarest , 2010
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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