Montag, 14. Januar 2013

Ein Signal - Bilanz, Wertung und Konsequenzen der UNO-Klage aus heutiger Sicht


Ein Signal - Bilanz, Wertung und Konsequenzen der UNO-Klage aus heutiger Sicht




Nach einigen Jahren des relativen Stillstands verlief die völkerrechtliche Auseinandersetzung, in der ich nur eine Figur auf dem Schachbrett war, nahezu im Sande, ohne konkrete, greifbare Ergebnisse. Die Klage, der noch viel vom Geist des Kalten Krieges anhaftete, konnte die hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen, die wir Dissidenten in sie gesetzt hatten.

Um 1984, als in Europa noch politische Eiszeit herrschte, verloren auch wir Zeitzeugen sie gänzlich aus den Augen. Erst Jahre später, nach der Veröffentlichung der Dokumentation im Internet, stellte ich fest, dass mit einigen unserer Angaben nicht ganz sorgfältig umgegangen worden warund dass die Betreuer doch einige Zusammenhänge nicht voll erfasst hatten.

Gegen große Resultate sprach die nach wie vor unveränderte makropolitische Konstellation, die vom Kreml bestimmt wurde. Bewirkt hat die Klage aber immerhin einiges für die inhaftierte Gewerkschaftsaktivisten, die zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden waren. In einem Artikel, den ich seinerzeit in Ion Raţius Presseorgan in London veröffentlichte, beantwortete ich die von der Gegeninformation der Securitate in den Raum gestellte Frage, wo denn die freie Gewerkschaft geblieben sei, mit dem Hinweis, wir würden sie intakt vorfinden, wenn uns die Tore der Gefängnisse geöffnet würden.

Dank der UNO-Klage gegen Bukarest öffneten sich einige Gefängnistore. Prominente Gewerkschaftsgründer, unter ihnen vermutlich der Priester Calciu-Dumitreasa, der Arzt Ionel Cană und der Ökonom Gheorghe Braşoveanu, dessen Name auch auf dem Gründungsdokument des Komitees zur Verteidigung des Glaubens der Baptisten auftauchte, wurden vorzeitig aus der Haft entlassen. Vermutlich wussten die Betroffenen nichts von der Klage. Selbst in der informierten Fachwelt wurde generell nur von internationalem Druck gesprochen, ohne genau differenzieren zu können, wie dieser Druck entstehen konnte.

Während der Klagezeit durften weitere Sympathisanten der freien Gewerkschaftsbewegung SLOMR in den Westen ausreisen. Die Tatsache, mit meinem Engagement nochmals Menschen zu einem würdigen Leben in Freiheit verholfen zu haben, tröstet mich auch heute noch. Fortgesetzte Dissidenz machte also Sinn.

Darüber hinaus war die öffentliche Klage der UNO gegen eine der finstersten osteuropäische Diktaturen von immenser ideeller Bedeutung, denn sie war weitgehend einzigartig, hatte Präzedenzfallcharakter und vermittelte -über die kleine Schar der Eingeweihten hinaus und tief in den kommunistischen Machtbereich hinein eine deutliche Botschaft: Die Kommunisten im Osten Europas mussten ab 1981 damit rechnen, differenzierter beobachtet zu werden. Sie mussten wissen, dass nicht alles, was in ihrem Machtbereich an Verbrechen geschah, auf immer verborgen bleiben würde- und dass auch sie eines Tages vor dem Gericht in Den Haag für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden konnten, gleich den NS-Schergen in Nürnberg!

Persönlich verbuchte ich die völkerrechtliche Auseinandersetzung als einen weiteren Sieg von Freiheit, Wahrheit und relativer Gerechtigkeit, als einen ethischen Triumph und darüber hinaus als einen weiteren, kleinen Schritt hin zur Auflösung der Starrheit zwischen den Blöcken.


Springbrunnen im Zentrum von Bukarest



Auszug aus: Carl Gibson,

Symphonie der Freiheit

Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur



Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten; Leseprobe,

Foto: Carl Gibson

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